Hygienefehler als Ursache
Jährlich infizieren sich bis zu einer Million Patienten in
deutschen Krankenhäusern mit gefährlichen Keimen,
etwa 40.000 Patienten sterben daran. Dennoch scheinen viele
Krankenhäuser ihre Hygienemaßnahmen nicht mit der
dringend gebotenen Aufmerksamkeit zu betreiben. Tanja Koopmann
infizierte sich vor sechs Jahren bei einer Kniespiegelung.
Über 100 OPs hat sie seitdem hinter sich, mit 42 Jahren ist
sie berufsunfähig
Ex-Handballspielerin Tanja Koopmann ist gezeichnet von über
100 Operationen. Erst seit kurzem kann die 42-Jährige wieder
einigermaßen laufen. Vor sechs Jahren geht sie zur
Kniespiegelung in eine Sportklinik. Danach bekommt sie starke
Schmerzen. Doch die Infektion im Bein wird nicht erkannt, die Patientin
nach Hause geschickt. Wenige Tage später kann nur noch eine
Notoperation ihr Leben retten. Tanja erinnert sich: "Von dem Tag an
sich weiß ich eigentlich nicht viel. Ich habe sehr hohes
Fieber gehabt und wahnsinnige Schmerzen. Dann bin ich abends wach
geworden und hatte sechs oder acht Schläuche in meinem Bein,
Spülung oben, Spülung unten. Ich hatte
überall wahnsinnige Schmerzen und wusste überhaupt
nicht, was geschehen ist, was passiert ist."
Mehr als 100 OP’s musste Tanja über sich ergehen
lassen.
Eine lebensbedrohliche Sepsis nach Hygienefehler. Tanja Koopmanns Bein
ist mit einem aggressiven Bakterium infiziert. 104 Operationen mit
Vollnarkose und unzählige ambulante Eingriffe werden
notwendig. Noch immer klafft ein 15 Zentimeter langes Loch in ihrem
offen liegenden Knochen. Noch immer droht eine Amputation. Tanja
Koopmann hat die Infektion alles gekostet: Gesundheit, Karriere,
Lebensqualität. Sie lebt von Hartz IV. Dabei habe sie noch das
Glück gehabt, bei jährlich bis zu 40.000 Todesopfern
durch Sepsis, noch zu leben.
Hohes Infektions-Risiko
Tanja Koopmann hat die Sportklinik verklagt. Ihr Anwalt Burkhard
Kirchhoff engagiert sich seit Jahren bundesweit für die Opfer
der Hygienemängel in deutschen Kliniken. Auf seinem Tisch
stapeln sich die Akten neuer Sepsisfälle nach
Krankenhausinfektion. Er empfinde die Situation in Deutschland als
Armutszeugnis, als medizinische Katastrophe, sagt der Rechtsanwalt:
"Sowohl das Infektionsschutzgesetz wie auch die paar mickrigen
Hygieneverordnungen, die in Deutschland existieren, sind
überhaupt nicht geeignet, um sicherzustellen, dass in
Deutschland Verhältnisse wie in den Niederlanden herrschen auf
dem Gebiet der Hygiene."
Während die Niederlande die
Infektionsraten durch strikte Kontrollen und
Vorbeugemaßnahmen drastisch gesenkt haben, schätzt
man, dass sich in Deutschland bis zu einer Million Patienten
jährlich in Krankenhäusern mit gefährlichen
Keimen infizieren. Hygiene-Berater Dr. Fengler kennt die
Schwachstellen.
Schwere Hygienefehler

Zu selten gewechselter Mundschutz oder nicht
fachgerecht gereinigte
Instrumente - Mängel, auf die Hygiene-Berater wie Dr. Thomas
Fengler immer wieder stoßen. Der Fachmann weiß
worauf man achten muss: "Das Problem der Restverschmutzung nach einer
Reinigung kann man besonders schön an Instrumenten sehen, die
einen Laschenschluss haben. Liegen die Branchen nebeneinander und nimmt
man eine weiße Kompresse und zieht sie drüber, dann
sieht man den Schmutz, den man da rausholen kann." Ebenso
seien unreine
Container, beim Reinigen nicht geöffnete Scheren oder
Geräte, die in einer Nierenschale liegen, in der sich Wasser
ansammeln könne, Beispiele für
Schwachstellen bei der
Hygiene.
Restschmutz nach der Reinigung wird sichtbar.

Fakt ist:
Für die Reinigung von OP-Besteck braucht man in
Deutschland keine Ausbildung. Dr. Fendler kritisiert: "Dadurch
können die Gehälter niedriger sein, aber die
Qualität dieser sehr komplexen Arbeit ist in unseren Augen
nicht gewährleistet. Das heißt, ein guter
Ausbildungsstandard ist wichtig und eine einheitliche Vorrausetzung,
ein Hygienegesetz."
Der Druck steigt
Auch bei der Pflege auf Stationen finden Infektionen statt. Denn
Verbandswechsel, das Legen von Kathetern und Infusionen haben eines
gemeinsam: Sie werden von Händen ausgeführt, den
gefährlichsten Überträgern von Keimen. Auf
einer Intensivstation wäre es laut Berechnungen so
häufig nötig, sich die Hände zu
desinfizieren, dass das Personal insgesamt pro Schicht zwei Stunden
dafür aufwenden müsste, um Keime wirksam
abzutöten. Professor Dr. Uwe Schulte-Sasse, Klinikdirektor
Anästhesie und Intensivmedizin SLK Kliniken Heilbronn, kennt
die Realität: "Jeder, der sich das vor Ort einmal anschaut,
kann sich vorstellen, dass 120 Minuten Zeit aufwenden für die
Händedesinfektion, nicht zu 100 Prozent umsetzbar ist, wenn
eine Krankenschwester, wie es heute nicht ungewöhnlich ist,
zwei, drei oder vier Schwerkranke zu versorgen hat."
Und der Zeitdruck für das Personal wird immer
stärker, erlebt Chefarzt Professor Schulte-Sasse. Denn viele
Geschäftsführer wollen Personal einsparen und
gleichzeitig immer mehr Patienten versorgen lassen. Dieser Druck habe
eindeutig zugenommen, bestätigt Professor Schulte-Sasse. Dabei
könnte man mit strengerer Hygiene sogar sparen, meint
Hygiene-Experte Dr. Klaus-Dieter Zastrow. Schließlich
kosteten die Folgen der Hygienemängel jedes Jahr Milliarden.
Dr. Zastrow, Institut für Hygiene und Umweltmedizin Vivantes
Kliniken Berlin: "Aus meiner Sicht sind Krankenhäuser nicht in
erster Linie da, um Geld zu verdienen, sondern um Leute gesund zu
machen. Und wenn wir die Leute so versorgen, dass wir sie schnell
wieder gesund bekommen, dann verdienen die Krankenhäuser dabei
Geld. An einer Infektion verdienen die Krankenhäuser kein
Geld."